Ästhetische Erziehung

Ästhetische Erziehung

Mit dem Begriff Ästhetik wird im Alltagszusammenhang oft das Schöne, Stilvolle und Ansprechende verbunden. Im pädagogischen Zusammenhang wird die Ästhetik jedoch als „die Lehre von der Wahrnehmung“ definiert. Durch das Wahrnehmen mit all unseren Sinnen und das Reagieren auf das Wahrgenommene lernen wir. Leib, Seele und Verstand werden beim Lernprozess mit einbezogen, so dass ganzheitliche Erlebnisse ermöglicht werden. Da die sinnliche Wahrnehmung die Basis der Lernfähigkeit ist, müssen die Sinne sensibilisiert werden.

Doch soll das Kind nicht nur seine Umwelt wahrnehmen, sondern auch das, was in ihm vorgeht. Eigene Gefühle oder Empfindungen können bewusst gemacht und ausgedrückt werden. Es bestehen vielfältige Darstellungs- und Ausdrucksmöglichkeiten, z.B. durch Musik, Kunst, Sprache oder Bewegung.

Ein Kennzeichen der ästhetischen Erziehung ist der fächerübergreifende Aspekt. Enge Fachgrenzen werden durch die sinnliche Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand aufgehoben. Die Kinder lernen in Sinnzusammenhängen, die sich nicht nur auf jeweils ein Unterrichtsfach beschränken.

„Mit dem Begriff Ästhetische Erziehung...wird die Erziehung in allen künstlerischen Fächern zusammenfassend bezeichnet. Das meint also Unterricht und Erziehung im Bereich der Bilder, der Musik, der Körperbewegung und des Körperausdrucks, der Sprachgestaltung und des darstellenden Spiels.“

So wie die Kinder ihre Lebenswirklichkeit als komplexes Ganzes erfahren, so können sie das jeweilige Thema ganzheitlich durchdringen. Ein Beispiel soll die Überschreitung der Fachgrenzen im Rahmen der ästhetischen Erziehung verdeutlichen:

Folgendes Gedicht ermöglicht einen ganzheitlichen und handelnden Zugang, bei dem verschiedene Lerntypen angesprochen werden:


Durch Schaukeln und Schweben
lass ich mich erheben
bis hoch in die Luft.
Den Wind in den Haaren

die Luft zu durchfahren
genieß ich den Duft.

Wolken durchfliegen
die Erde da liegen
es ist wie ein Traum.
Ich falle vornüber
schwing seitwärts herüber
hinein in den Baum.

Hier kann ich mich wiegen
ausruhen vom Fliegen
der Wind ist dabei.
Ich springe und steige
ganz hoch in die Zweige
und fühle mich frei.
H. Ziesmer


Dieses Gedicht lässt sich im Sportunterricht in Bewegung umsetzen. Die Kinder können Bewegungsarrangements mit Geräten (z.B. Ringe, Taue, Minitrampolin, Kästen) bauen und verschiedene Bewegungsformen erproben. Sie haben die Möglichkeit, sich durch die Bewegung in das Gedicht hineinzuversetzen und Gefühle nachzuempfinden oder auch eigene Emotionen zu entdecken. Die Kinder können aber auch zu dem Gedicht Bilder malen oder es schriftgestalterisch bearbeiten. Das Gedicht kann auch verklanglicht werden, indem die Kinder mit Musikinstrumenten oder Klangobjekten aus verschiedenen Materialien
Stimmungen wiedergeben. Für die sprachunterrichtliche Erschließung des Gedichts werden Strophen möglicherweise weitererzählt oder umgeformt, das Gedicht „zerpflückt“ oder weitergedichtet. Über eigene Texteindrücke wird gesprochen.
Bei diesem Beispiel steht das sinnliche Lernen im Vordergrund, das Gedicht wird ganzheitlich erschlossen und Fächergrenzen werden aufgehoben. Nicht jedes Gedicht oder jedes Thema birgt diese Erlebnismöglichkeiten. Sinnliches Lernen muss auch Sinn machen.